Ungeschminktes Ende

So hell. So kalt. So dunkel. So heiß.
Diese gleißende Helle durchdringt mich. Als wäre ich transparent. Das Licht lässt meine Haut hell wie Schnee erscheinen, fast schon erstrahlen. Doch kann es kein Schnee sein. Das Licht hätte mit seiner erbarmungslosen Wärme den Schnee schon längst schmelzen lassen. Von unten Eis und oben Dampf, so fühlt man sich hier. Dieses kalte Metall, auf welchem man nackt liegen muss, und diese Hitze, welcher man kleiderlos ausgesetzt ist. Zum Glück war ich damals oft im Sommerurlaub. Dieses Meer unter dir und diese gleißende Sonne auf deinem Kopf machen dich irgendwann hitzeresistent. Dort konnte ich aber eine Sonnenbrille tragen. Hier kann ich nicht einmal die tragen. So muss ich immer meine Augen geschlossen halten. Andernfalls fühlte es sich so an, als ob meine Augäpfel durchbrennen. Und bei allem, was ich doch schon habe, kann ich den Verlust meines Augenlichts auch nicht mehr gebrauchen. Ich meine, wie sähe das denn aus? Ein Mann ohne jegliche Haare, der komplett abgemagert von Wand zu Wand schleicht, nur um auf dem anderen Ende des Flurs einen Kaffee zu bekommen. Könnte man sich in dieser am Äquator liegenden, Metall besetzten Miniantarktis wenigstens ablenken und entspannen, könnte man meinen, man sei auf einer Sonnenbank. Mann, wäre das schön, wäre ich jetzt in einem Solarium! Würde ich mich auf einer Sonnenbank befinden, könnte ich auch dieses stetige Piepen umgehen, das einen mit der Zeit echt aufregt.

Aber was ist das denn? Ein neues Piepen, lauter und durchdringender. Gibt es überhaupt ein lauteres und durchdringenderes Piepen als das hier? Diese ständigen Geräusche in diesem sterilen, weißen, anonymen Haus kommen und gehen immer. Dieses jedoch kam plötzlich und geht anscheinend nie wieder. Mit diesem unerträglichen Geräusch, das zunehmend schmerzhafter für meine Ohren wird, kommen auch meine Schmerzen Stück für Stück wieder. Sie kommen aus ihrem, durch die Wundermittel Ibu und Novalgin hervorgerufenen Winterschlaf wieder hervorgekrochen. Sie wandern quälend langsam um ihren Hotspot herum. Die Schmerzen werden größer, stärker und schlimmer. Ein riesiges Stechen und es wird dunkel. Ich kann mich wohl nicht mehr in dieser beklemmenden Röhre befinden, die mich im wahrsten Sinne des Wortes auf Herz und Nieren geprüft hat, denn es gibt keine Wärme mehr zu spüren. Nur dieses sterile, eiskalte Metall, das an meiner Haut klebt, ist mit der Dunkelheit geblieben. Mit jeder Sekunde werden die Schmerzen stärker, hingegen das Piepen, sowie alles andere gerät immer weiter in den Hintergrund, als würde sich der Schmerz von den durch meine Sinne wahrgenommenen Reizen und Gefühlen ernähren. Ich bin kein Mensch mit Schmerzen mehr, sondern eher ein riesiger Kollos Schmerzen mit einem kleinen Ballast Mensch an sich dran. Es wird immer dunkler, leiser, neutraler, steriler und immer schmerzhafter und mit dem Wachsen der Schmerzen baut sich zunehmend etwas vor mir auf. Vor mir: ein Wall zur Schmerzlosigkeit, eine Schranke in die Beschwerdelosigkeit, ein Zaun zum Wohlbefinden. Darüber hinweg blicke ich in ein warm leuchtendes, Liebe versprühendes, anziehendes Licht. Lasse ich los und gehe diesen einen Schritt in diese perfekt wirkende Vollkommenheit? Einmal noch Luft holen und diesen Schritt wagen? Diesen einen Augenblick überwinden und den Sprung in die Absolutheit machen?

3... 2... 1...
Ich schwebe. Ohne wirkliche Gestalt und doch so, wie ich mich perfekt finde, schwebe ich dahin. Keine Anstrengung, um mich fortzubewegen. Um mich herum: alles perfekt. Ein warmes Licht, ein beruhigender Ton im Ohr, ein himmlisches Blau um mich herum. Perfekt eben. Und der Geruch, der Geruch, er erinnert mich an sie. Sie, diese eine Person, die mein Leben vollkommen und lebenswert gemacht hatte. Da steht sie vor mir. In ihrem geliebten Kleid vom Abschlussball. Dieses leicht rosa angehauchte Cocktailkleid, welches ihre so perfekte Körperform in Szene setzt. Ihr Gesicht ungeschminkt, so wie ich sie liebte. Dieser eine Augenblick, als sie an einem Mittwochabend aus der Umkleidekabine hervorkam, in dem war sie perfekt. Der Geruch, ihr Aussehen, der Moment, das alles lässt alles Negative, was es gab, gibt und je geben wird, verschwinden. Nicht einmal meine Schmerzen, die mich doch die letzten drei Jahre geprägt haben, spüre ich. Jegliches Stechen, Beißen oder sogar Kribbeln ist wie weggeblasen. Der Moment ist vollkommen, absolut und perfekt.
So, hoffe ich, sieht dieses Licht hinter der Grenze aus.

Luis Hißmann

In der linken Spalte finden Sie den Text "Ungeschminktes Ende" von Luis Hißmann, der zu den ausgewählten Autoren des Schreibwettbewerbs "Von Grenzen und Grenzverschiebungen" gehört und dessen Text in der gleichnamigen Anthologie veröffentlicht wurde.

Im Buchhandel ist die Anthologie unter folgender Angabe zu erwerben:

Artur Nickel (Hg.) 

Von Grenzen und Grenzverschiebungen - 

Kinder und Jugendliche aus dem Ruhrgebiet erzählen.
Geest-Verlag 2016

ISBN 978-3-86685-564-9

366 Seiten, 12 Euro