Melina Bauer: Glücklicher Punkt

Schwarz, grau, ein dumpfes Rauschen.
 Und dann ein Punkt, ein Punkt von Farbe. Ein bunter Punkt, der direkt ins Auge sticht. Das bin ich. Ich stehe mitten auf dem Marktplatz.

Um mich herum ein Getümmel von Menschenmassen. Es sind Hunderte. Wenn nicht sogar Tausende. Ich gucke mich um. Ich sehe Gesichter, viele Gesichter, sie alle haben denselben angestrengten, unzufriedenen Blick. Ein Blick, der gezwungenermaßen aufgesetzt wird, um nicht aufzufallen. Es ist unbegreiflich, wie diese Menschen so den Tag überleben. Hektisch und aufgewühlt rasen sie die Straßen runter auf der verzweifelten Suche nach ihrem Glück.

Und ich, ich stehe hier, mitten auf dem Platz. In meiner gelben Regenjacke, den roten Strümpfen und den grünen Gummistiefeln, der bunte Punkt, den man vom Universum aus sieht. Das bin ich. Doch niemand beachtet mich, alle sind zu sehr mit sich und ihrem Glück beschäftigt, ihrer Bestimmung gleich zu sein, nicht aufzufallen und den angestrengten, unzufriedenen Gesichtsausdruck zu behalten. In das wütende Rasen dieser Suche passe ich nicht rein. Doch ich bin der einzige Punkt. Das einzige nicht passende Puzzleteil. 



Die Welt formt dich schon so, wie du sein sollst, sagen sie. Aber ich sage, du bist perfekt, so wie du bist, lass dich nicht verändern. 

Es ist unsere Entscheidung, ob wir dem nachgehen, was uns nachgesagt wird, wir können aber auch vorgehen und ein bunter Punkt werden.

Ein Puzzleteil, das nicht passt, weil es einfach Spaß macht, anders zu sein. Weil es unsere Entscheidung ist, ob wir glücklich werden wollen oder verkrampft nach einem Funken Glück suchen müssen. 

Immerhin ist es unser Leben, unsere Entscheidungen und das wäre nicht so, wenn wir zu dem werden sollen, was von uns verlangt wird. 



Lebe deinen Traum, denn das ist, was zählt!

Lass dich nicht ärgern, denn sie sind nur eifersüchtig!

Liebe, was du tust, denn sonst hast du keinen Spaß!

Lache viel, denn das macht dich zu einem bunten Punkt. Dem bunten Punkt auf dem Marktplatz, weit weg von Zeit, vom Geschehen, mit Blick in die Sterne gerichtet, aufrecht und anmutig, trotz der herunterziehenden Welt, die unter ihm ist. Herausstechend aus der Masse, ein nicht passendes Puzzleteil. 

Ein bunter Punkt, welcher Glück beschreibt.

Ein Punkt, wie ich.

Cheyenne Krusen: Parabel vom Glück

Ich habe mich noch nie im Spiegel gesehen, noch nie einen Menschen überhaupt gesehen. Wie sieht diese Welt aus? Wie sehe ich aus? Wohne ich in einem großen Haus oder eher in einem kleinen Altbau? Wachsen in unserem Garten Rosen oder Tulpen?
Ich möchte einmal sehen, wer ich bin und wie es um mich herum ist.
Meine Mutter erzählt mir zwar alles, seitdem ich denken kann, weshalb ich mir ein ungefähres Bild von mir und meiner Umgebung machen kann, aber das ist nicht dasselbe. Sie empfindet doch alles ganz anders als ich, weiß gar nicht, wie es ist, blind zu sein, und deshalb möchte ich nur ein einziges Mal alles mit meinen eigenen Augen sehen.
Mein Wecker klingelt nun schon zum dritten Mal. Ich stehe langsam auf, doch von diesen Gedanken komme ich nicht weg. Sie quälen mich jeden Tag und jede Nacht, doch das alles hier bringt nichts. Ich werde nie sehen können, die „normalen" Leute werden mich weiterhin nicht akzeptieren und sich über mich lustig machen. Ich ziehe mich schnell an, gehe in das Bad und warte schon auf den Ruf meiner Mutter: „Sophie, komm her. Ich bringe dich jetzt zur Schule." Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was das für ein bedrückendes Gefühl ist, mit fast 18 Jahren immer noch komplett auf die Hilfe der Eltern angewiesen zu sein. Ich fühle mich unvollständig und teilweise einfach nur leer. Meine Mutter sagt mir zwar immer, dass sie mich liebt, wie ich bin und ich ganz andere Fähigkeiten habe, weshalb ich nicht daraus angewiesen bin etwas zu sehen, doch dieses ganze Gerede interessiert mich schon lange nicht mehr. 
Endlich an der Schule angekommen, holt meine Mutter meine Tasche aus dem Kofferraum und hilft mir beim Aufsetzen. Anschließend drückt sie mir noch meinen Blindenstock in die Hand, wegen dem ich mir ständig dumme Sprüche anhören muss, und verabschiedet sich mit einem „Viel Spaß in der Schule, mein Kind." Hier an der Schule kenne ich mich aus und kann mich völlig auf meine Beine und Füße verlassen. Es ist, als würden sie von alleine laufen: zwei Schritte geradeaus, leicht rechts abbiegen, ein Stück über die Wiese laufen und dann weiter geradeaus, bis ich an den Stufen zum Haupteingang angekommen bin. Sieben Stufen nach oben, Tür auf und reingehen. Eigentlich ist es jeden Tag das gleiche Ritual. Nichts ändert sich. Doch während ich die Tür öffne, bemerke ich eine Hand auf meiner Schulter. Sie liegt nur ganz leicht darauf, aber ich kann trotzdem das Zittern spüren. Es riecht nach AXE, so wie es nach dem Sport immer in der Kabine der Jungs riecht. Ich versuche etwas zu sagen, vielleicht so etwas wie "Hallo!" oder "Wer bist du?", aber es gelingt mir nicht. Es kommt kein einziges Wort aus meinem Mund, nicht einmal ein Räuspern oder Husten. Langsam merke ich, wie die Hand meine Schulter wieder loslässt, zwar nur ganz sanft, aber es ist deutlich zu spüren und der Deogeruch verschwindet von Sekunde zu Sekunde immer mehr.

So gerne hätte ich für diese Zeit etwas gesehen und selbst wenn es nur für einen Bruchteil einer Sekunde gewesen wäre, nur Umrisse oder alles schwarz/weiß. In diesem Moment wäre alles besser als die Gedanken in meinem Kopf gewesen. Sie machten mich verrückt.
Und da war ich wieder an diesem einen Punkt, bei dieser einen Frage:
Warum muss ausgerechnet ich blind sein?

Julia Dawn Tirol de Sousa: Kontrast



Es gibt immer einen Kontrast.

Kontraste wie

groß, klein

hell, dunkel

schnell, langsam

schwarz, weiß 

LAUT

und leise

leise

leise

lei

se




zu leise ordne ich

die Ruhe, die Stille, das pure nüchtern sein und entspannen,

das Gefühl der Geborgenheit.

leise ist für mich nicht gleich langweilig,

kahl und kühl.

leise ist für mich, wenn die Welt,

im richtigen Moment für wenige Sekunden still steht.
leise ist 

das Gefühl einer warmen Umarmung.

leise ist 

die einsame, elegante Kirche 

mit den bunten Fenstern,

die man flüchtig beim Vorbeifahren sieht 

und einem nachts manchmal in den Träumen erscheint.
leise ist 

pures Träumen.




es gibt immer einen Kontrast.

Kontraste wie

gut, böse

arm, reich

hübsch, hässlich

jung, alt

leise und

LAUT

LAUT LAUT LAUT

LÄRM, HETZEN, VERGESSEN, 

das unangenehme Gefühl ungewollt zu sein

wer

möchte ungewollt sein?

laut ist für mich Krach.

dunkler Nebel, der deinen Kopf umgibt 

und deine Gedanken nicht Gedanken sein lässt.
Kreischendes Gehupe, das deine Panik aus den feinsten Poren deiner Haut jagt und deine Haare zum Erstarren bringt.

Laut nimmt für mich die Farbe grau an. 

Das eintönige Hetzen und das verwirrende Gefühl, man müsste ständig irgendwo sein.



Laut ertrage ich nicht

Laut ist zu viel für mich.

Ich will in leise bleiben.

Ich will nicht laut.

Ich will meine Fingernägel in leise einkrallen, bis sie blutig zersplittern.

Ich will nicht laut.



Laut lässt mich nachts nicht schlafen. 

Laut flüstert mir böse Dinge zu,

die mich auffressen und meine Ängste zum nächsten Verwandten machen

und ich bin nicht bereit

aber ich weiß, ich kann nicht in leise bleiben

denn in dieser Welt

gibt es zu viele Kontraste.

"Vom Glück und seinen Launen" – Jung-Autoren veröffentlichen ihre Texte

In der linken Spalte finden Sie Texte unserer Schülerinnen Melina Bauer, Cheyenne Krusen und Julia Dawn Tirol de Sousa, ausgewählte Autorinnen des Schreibwettbewerbs "Vom Glück und seinen Launen". 

Ihre Texte sowie Beiträge von Damla Cavli, Samira Ridder, Sayaki Sivaarul und Jeremias Steindl wurden in der gleichnamigen Anthologie veröffentlicht.

Im Buchhandel ist die Anthologie unter folgender Angabe zu erwerben:
Artur Nickel (Hg.) 

Vom Glück und seinen Launen –
Kinder und Jugendliche aus dem Ruhrgebiet erzählen.
Geest-Verlag 2018

ISBN 978-3-86685-688-2

320 Seiten, 12 Euro

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