Fabienne Hoppe: Ich spiele mein ICH

Ich spiele mein Ich

Ich muss doch irgendwo hingehören.
Wo ist es, wo nur?
Gibt es einen Ort, der für mich allein bestimmt ist?
Wo liegt dieser Ort? Wo bin ich ICH?
In meinem Handeln werde ich eingeschlossen. In meinem Denken werde ich kritisiert.
Es gibt keinen Ort, an dem ich Ich sein kann. Außer in meiner Freiheit. Ohne wen anders. Ohne Lügen. Ohne Kritik.
Ich träume.
Ich träume von einem Fallschirmsprung. Ich träume von einer Reise nach Australien.
Ich träume von einem Ort, wo ich leben kann.
Leben?
Ja genau: LEBEN!
In der Schule, während einer Familienfeier, im Job und gegenüber anderen Personen verstellt man sich.
Ich spiele mein Ich. Aber ich bin niemals ich selbst.
Ich, weiblich, siebzehn, bin verpeilt, bin verrückt, bin lustig und lebensfroh.
Lieber würde ich nachts um 3 durch die Gegend laufen als zu schlafen.
Lieber würde ich reisen als stur zu lernen.
Lieber würde ich genießen, als gezwungen zu werden etwas zu tun.
Doch wo liegt dieser Ort? Wo bin ich ICH?

Fabienne Hoppe

Celina Beuing: Die Schow geht los

Die Show geht los

Die Tür öffnet sich
Wie ein Vorhang
Ich setze meine Maske auf
Die Show geht los:

Ich steige in die Bahn
Musik auf voller Lautstärke
Um mich herum unzählige Menschen
Alle Fassaden vertieft ins Nichts

Niemand hat Blickkontakt
Jeder starrt durch sein Gegenüber hindurch
Das Handy als Versteck
Keiner spricht

Ich setze mich unbemerkt neben eine ältere Dame,
sie scheint hier Stammgast zu sein - wie ich-
wir kennen uns, doch irgendwie auch nicht
Nicht zu viel bewegen

Keine Geräusche machen
Niemanden beim Nichtstun versuchen zu stören
Vertieft in die Musik
Ich starre in die Ferne

Das nächste Gesicht stoppt meinen Blick
Ein nichtssagendes Gesicht
Die Augen so leer hinter der Fassade
Der Blick monoton wie ein Uhrwerk

Durch meine Maske hindurch versinke ich in mir
Unendliche Leere
Unbemerkt bleiben und ein Nichts in der Umgebung sein

Einfach in die Menge eintauchen

Celina Beuing

Justus Walter: Aus dem Gleis

Aus dem Gleis

Zerfressen von gelb, grau und schwarz
Das Gelbe rauscht
Das Schwarze steht
Rasend durchbricht es den zweckmäßigen Stillstand

Eine Menschenmenge versammelt
Doch kein Mensch kennt den andern
Doch jeder Mensch kennt jeden, jeden Morgen
Doch sie gleiten aus dem Gedächtnis

Ebenso die Landschaft
Vorbei im Rausch der Musik in meinem Kopf
Vorbei am Handydisplay
Vorbei an mir

All die Gesichter
Sie sitzen wie Roboter
Kahl, kühl und konsterniert
Ergreift sie der Alltag

So sitzt jeder unter vielen
Wartet auf seinen Punkt
Ist ganz allein
Ein niemand unter niemanden

Eine Hülle steht auf
Seine Silhouette nähert sich der Öffnung
Streben nach der Freiheit - die keine ist
Am nächsten Tag werden sie wieder streben

Und so bin auch ich nur ein niemand unter niemanden
Eine Hülle im gelben Rausch
Eine Illusion, die nur auf Freiheit wartet
Eine Fassade im Neonkasten

Justus Walter

Bilal Hawashin: Was ist?

Was ist?

Gefangen in der Großstadt,

Druck von allen möglichen Seiten,

hohe Erwartungen von allen Menschen.

Doch was ist, wenn diesem Druck nicht
standgehalten wird?



Man geht unter; verloren in der Masse,

Trotz der sozialen Mobilität wird man auf den Boden gedrückt,

nur schwer kann man wieder aufsteigen.



In dieser Tiefe hat man nur sich selber, 

und mit sich selber sinkt man
tiefer,

tiefer,
bis der Sonnenuntergang erscheint.

Bilal Hawashin

"WER ich WO bin?!" – Jung-Autoren veröffentlichen ihre Texte 2017

Artur Nickel (Hg.): WER ich WO bin?! - 

Kinder und Jugendliche aus dem Ruhrgebiet erzählen.

Geest-Verlag 2017
, ISBN 978-3-86685-632-5

399 Seiten, 12 Euro